Montag, 14. Dezember 2009

The 2009 Chronicles Whirlyjoe Das heilige Listenwesen zum Jahresende, Zeit zu innerer Einkehr, besinnlicher Selbstreflexion und festlicher Archivwühlerei. Dazu die furchtbare Angst, auch dieses Jahr wieder ganz wichtige Platten zu vergessen – es ist ein Kreuz. Macht aber auch saumäßigen Spaß, sich an die beste Musik des Jahres zu erinnern und diese dann fernab von allem Hörstress, den der Job als Glitterhouse-Redakteur so mit sich bringt, zu genießen. Ich schicke mal voraus, dass meine Nennungen eher etwas weiter weg vom hier beliebten SBS-Spoonful-Sound landen, weil ich diesen speziellen Sound eben eher aus Compilations und Blogs destilliere und seltener aus regulären Alben, auf die ich mich hier mal konzentrieren will. Hier also meine Album-Top-10 2009, diesmal ganz ohne Ausreden in wertender Reihenfolge: 1. Decemberists - The Hazards Of Love Das war schon relativ früh im Jahr klar, dass dieses Album nicht zu toppen sein wird. Die komplexe Fusion aus zartem Folk und hartem Rock gebiert Songs von meisterlicher Schönheit, wobei mir am besten die deutlichen Bezüge zu Heart gefallen, deren besten Song „Crazy On You“ sie gerne kongenial auf der Bühne covern. Hat mich gleich beim ersten Hören mitten ins Herz getroffen. 2. The Clientele - Bonfires On The Heath Werden tatsächlich mit jedem neuen Album noch besser. Was für wissende, in sich ruhende Songs, die glamourösen Pop, polierten Blue Eyed-Soul und das Beste von Prefab Sprout zu einem funkensprühenden Album zwischen Pop-Euphorie und mondäner Soul-Eleganz machen, angereichert mit Pedal Steel und Orchestrierungen, alles perfekt dosiert. 3. Speech Debelle - Speech Therapy Deepest Soul Music, auch wenn man formal HipHop dazu sagen müsste. Hier hört man keinen elektronischen Ton, sondern luftige, handgespielte, tendenziell jazzige Arrangements im Laidback-Modus, darüber Speech Debelles sanften Rhymeflow, butterweich, herzerwärmend und sehr, sehr elegant. 4. Jonathan Richman - A Que Venimos Sino A Caer Der ewige 16-Jährige klingt auf spanisch noch charmanter, seine neuen Songs gefallen mir fast noch besser als seine unsterblichen Klassiker. Der Mann transportiert wie kein anderer Enthusiasmus und Lebensfreude mit seinen sonnigen, luftigen und doch so weisen Songs – heute mehr denn je. 5. Van Morrison - Astral Weeks Live At The Hollywood Bowl Ein triumphaler Wurf, gegen jede vernünftige Erwartung. 40 Jahre später beweist The Man dann doch noch mal seine einsame, unerreichbare Klasse, mit der denkbar schönsten, versponnensten und irgendwie seltsamsten Musik seiner langen Karriere. Dabei singt er wie ein Gott, was mich zu Tränen rührt. 6. Scott Matthew - There Is An Ocean That Divides And With My Longing I Can Charge It With A Voltage That's So Violent To Cross It Could Mean Death Der erst mal so gar nicht Glitterhouse-kompatible Singer/Songwriter konnte mit diesem ebenso persönlichen wie traumhaft schönen Kammer-Pop ja fast überall punkten – zurecht, denn dieser sanfte Flow aus überirdischer Stimme, Piano, Bläser und Streichern sucht seinesgleichen. Große Kunst, keine Frage. 7. Air - Love 2 Ebenso mondän und elegant wie gewollt leichtgewichtig, schlicht und auch ein wenig kitschig – das können nur diese beiden Franzosen mit dem ganz eigenen 70er-Revival-Sound. Love 2 wirkt unglaublich ausgeruht und klar strukturiert, greift den fluffigen Flow des Debüts ebenso auf wie das fantastische Air-produzierte Charlotte Gainsbourg-Album vom letzten Jahr. 8. Berry - Mademoiselle Dieses Jahr habe ich mit staunender Begeisterung mehr französische Musik denn je gehört, und von den neuen Produktionen ist dies die schönste. Das Fräulein und der sanfte, hochmelodiöse Singer/Songwriter-Pop sind zum Verlieben, der Sound ist herrlich luftig und transparent, die akustischen und elektrischen Gitarren perlen schwerelos, der Groove entsteht durch ganz wenig Percussion. Berrys Stimme ist außergewöhnlich einnehmend, frisch, sanft und ausdrucksstark zugleich und definitiv charismatisch. Nouvelle Pop Francaise in Perfektion. 9. Fat Freddys Drop - Dr. Boondigga & The Big BW Okay, das Debütalbum hat letztlich ganz knapp die Nase vorn, aber auch dieser Zweitling des neuseeländischen Groove-Kollektivs ist ein hypnotischer Burner zwischen Reggae, Funk, Soul und etwas House. Der Vibe ist (meistens) laidback, aber doch untergründig brodelnd und upliftend, die Arrangements so unglaublich schlank und reduziert, obwohl hier wieder knackiges Gebläse für die allerbesten Momente sorgt. 10. Antony & The Johnsons - The Crying Light Das ist schlicht wunderschön. Kammer-Pop ohne Angst vor Schmalz, Kitsch und großen Gefühlen. Ein höchst emotionaler, expressiver, exaltierter Sänger lässt die Grenzen zwischen Rock, Oper und Kunstlied verschwinden. Ein großer Romantiker. Bei neuen 7-Inches hat mich die inbrünstige Formatliebe nicht ganz so stark erwischt wie manchen SBS-Kollegen, aber auch ich weiß: Singles sind super. Gerade auch zum Auflegen. Meine Neuerwerbungen in dem Bereich sind trotzdem eher zufällig, hervorheben will ich aber mal diese hier: Soul Snatchers - Good & Plenty / Soul To Soul Laura Vane & The Vipertones - Steam Kylie Auldist - It’s On / Made Of Stone Death Letters - Schizophrenic Konzerttechnisch war ich dieses Jahr gar nicht mal so träge, dennoch lässt sich das Erlebte hier leicht zusammenfassen: OBS war großartig, Stag-O-Lee Shakedown der Hammer. Außerhalb Beverungens fand ich diese hier noch sehr vergnüglich: Jonathan Richman Friska Viljor Twilight Sad Ludella Black & The Masonics Cut In The Hill Gang Fabulous Penetrators Baskery Downpilot Calexico Scott Matthew Chris Cacavas Art Brut Deerhoof Magnolia Electric Paul Armfield Bei der Gelegenheit werde ich auch wieder meine liebsten Kinofilme los. Triumvirat: Milk (Gus Van Sant) Antichrist (Lars von Trier) Das weiße Band (Michael Haneke) und dabei finde ich von Trier und Haneke normalerweise ungenießbar. Auch gelungen: Slumdog Millionaire (Danny Boyle) Gran Torino (Clint Eastwood) Cadillac Records (Darnell Martin) Sunshine Cleaning (Christine Jeffs) Drag Me To Hell (Sam Raimi) Zerrissene Umarmungen (Pedro Almodovar) Inglorious Basterds (Quentin Tarantino) Public Enemies (Michael Mann) Taking Woodstock (Ang Lee) Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 (Tony Scott) Um es mit Frank Sinatra zu sagen: It was a very good year.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Whirlyjoe,
ist Dir auch aufgefallen, dass der Haneke-Film komplett ohne Soundtrack auskommt? Selbst im Vor- & Abspann absolute Stille in Schwarz/Weiss. Hatte vorher Magenschmerzen dort reinzugehen, war aber dann doch wunderbar ergreifendes Kino. Lars von Trier hab ich mich trotz Charlotte Gainsbourg nicht getraut.
An-Dréad

Anonym hat gesagt…

...dabei hat von trier doch so eine wunderbare serie mit "geister" geschaffen.
vieln dank für die vielen Tips!
BadaBing!

Anonym hat gesagt…

ohne Soundtrack schafft
sonst nur Hitchcocks "Die
Vögel" ...

hier auf'm Dorfe mit nur
einem Mainstream Kino freu'
ich mich auf Almodovars DVD
dann am 07. Januar - axel

Whirlyjoe hat gesagt…

hey, da interessiert sich ausser axel ja doch noch jemand für film. "geister" habe ich tatsächlich nicht gesehen - früher hatte von trier ja auch noch was drauf, "breaking the waves" zum beispiel. das ist aber 13 jahre her.

an-dread, mir ging es genauso. antichrist ist eine herausforderung, die man mutig annehmen sollte.

Anonym hat gesagt…

...und der soundtrack von "no country for old men" (der tarantino den tarantiono nie schaffen wird)ist nun auch mehr als sparsam...
badabing!

Anonym hat gesagt…

Zum Thema 'Film': Black Caesar empfiehlt 'Black Dynamite'. Ein sensationelles Filmjuwel im besten Blaxploitation-Stil.

Comments hierzu:
http://www.moviemaze.de/filme/2996/black-dynamite.html

Lief in Deutschland bisher nur in Programmkinos in Englisch. In dieser Form habe ich ihn auch auf DVD. Ob er noch die großen Kinos in deutscher Sprache erreichen wird - eher unwahrscheinlich. Aber wenn ja, don't miss it.

Whirlyjoe hat gesagt…

verdammt, ich wusste es - habe ein ganz wichtiges album vergessen:

Hope Sandoval & The Warm Inventions
Through The Devil Softly

glaubt glitter-christoph bitte jedes wort seiner besprechung.

busch-Man hat gesagt…

Großer Sport, Joe! Aber bei Antichrist muss ich auch passen; die Dogma-Sachen fand ich ja größtenteils super, aber das ist mir dann doch zu heftig ..

Bix van Cleave hat gesagt…

Servus,

möchte hiermit mal den Betreibern für ihre gelungene Seite danken, die mir schon die eine oder andere Inspiration gebracht hat.

Zum Thema Kino:
"Geister" ist eine tolle Reihe - zu "Antichrist" hat es mir aber dann doch nicht gereicht.

positiv überrascht war ich hingegen von:

- "So finster die Nacht" schwedischer Kindervampirfilm mit verhältnismäßig viel Blut

- "The Good, The Bad and the Weird" koreanischer Western mit eskalierender Verfolgungsjagd am Ende. Inklusive chinescher Artillerie zu Santa Esmeraldas "Don't let me be misunderstood".

AndiArbeit

Heino Walter hat gesagt…

Hallo Joe!

Apropos Air/Charlotte Gainsbourg:
mit dem hochgelobten Air Debut Moon Safari konnte ich gar nichts anfangen. Es erinnerte mich an Synthesizer Kitsch a la Jean-Michel Jarre und Vangelis. Besonders Disco Boy fand ich regelrecht ekelig. Habe mir dann viel später auf Grund Deiner Empfehlung im Blog Pocket Symphony gekauft und war/bin begeistert. Vielleicht kannst Du ja mal in einem Blog-Beitrag das Gesamtwerk von Air würdigen.
Die Charlotte Gainsbourg CD fand ich dann auch gut. Da soll es ja auch was Neues geben. Schon gehört?

Schöne Grüße
Heino

Whirlyjoe hat gesagt…

howdy heino,

das freut mich sehr, dass das mit air auch hier im blog so gut klappt. ein special wäre dem r-man aber sicher unheimlich.

charlottes neues album ist mit beck entstanden, ich habe nur einen song gehört, den ich etwas kantig fand. werde ich mir aber noch vornehmen.

Anonym hat gesagt…

ja bitte, und dann berichten! denn charlottchens "just like a woman" mit den spezis von galexico ist ja allerliebst.
badabing!

Whirlyjoe hat gesagt…

na dann empfehle ich auf jeden fall mal das hier:

http://www.youtube.com/watch?v=_bHsoNvhRd0&feature=player_embedded