Samstag, 14. November 2009

Abt. Leichen im Keller

ABC Lieber Knutster, bei Heaven 17, unseren zuletzt hier abgehandelten Eighties- (Schein-) Helden hast du mit kritischem Ohr deutliches Altern auch ihrer besten Produktionen attestiert – verspürst du das auch bei den ja weithin konsensfähigen ABC? Interessanterweise kamen ja beide Bands eben nicht aus London, sondern aus Sheffield. War ich da etwa zu streng? Ich attestiere Heaven 17 hiermit aber ein deutlich stringenteres Gesamtwerk im direkten Vergleich zu ABC. Zeitloser erscheinen mir allerdings die Produktionen von ABC. Dabei war die gestylte Soul-Lässigkeit und der perfekt produzierte Sound anno 1981 ja schon ein ziemlicher Affront gegenüber der dominierenden Punk/Wave-Kultur. Ich fand ja immer ABC waren ihrer Zeit ständig ein klein wenig voraus. Das hat ihnen jedoch nicht immer nur Pluspunkte eingebracht. Wobei Martin Fry und Kollegen ja eigentlich nur ein wirklich überdauerndes Meisterwerk geschaffen haben, nämlich das Debütalbum „The Lexicon Of Love“ von 1981. Da sind wir uns vermutlich einig, oder? Da sind wir uns mal völlig einig, mein lieber Joe! Das halte ich tatsächlich für ein Meisterwerk. Produktion, Songs, Gesang, sogar die Texte finde ich auch heute noch ganz vorzüglich! Alles mit einem Gewissen Mut zur Peinlichkeit, manchmal etwas cheesy, aber dermaßen charming präsentiert – ein großartiges Album! Produziert hat ja erstaunlicherweise Trevor Horn, hier der richtige Mann zur richtigen Zeit, und für seine Verhältnisse doch relativ dezent, will ich meinen. Okay, die Keyboards sind manchmal schon ein wenig aufdringlich, dazu aber der dominante Bass und die saftigen Bläser, schon okay, finde ich. Ich gehöre ja nicht zu den Trevor Horn-Hassern; meiner Meinung nach hat dieser Mann ein paar wirklich tolle Alben produziert. Bei aller Opulenz finde ich seine Arbeiten seltenst überproduziert – durchproduziert bis ins kleinste Detail schon. Und wenn ich mir ein komplettes Pop-Album aus dem Jahre 1981 von vorn bis hinten schmerzfrei durchhören kann, ohne dass mir eine zweifelhafte Sound-Ästhetik den Spaß verdirbt, ist das schon eine echte Ausnahme! (Übrigens finde ich sowohl das Cover als auch die Videos äußerst gelungen. …womit wir wieder beim Mut zur Peinlichkeit wären.) Und das Album bietet eben eine ganze handvoll feiner Hits, neben dem Titelsong vor allem auch das ansteckend euphorische „Poison Arrow“, „Show Me“ und „Tears Are Not Enough“. Für mich definitiv eines der wichtigsten, archetypischen und bis heute hörbaren Eighties-Alben. Sind ABC eigentlich Blue-eyed Soul oder doch nur verchromte Poppermusik? Weder noch: für mich ist das Debut einfach nur der Prototyp eines rundum gelungenen Pop-Albums! Von den beiden folgenden Alben hat mir erstmal keines gefallen, habe ich alle wieder aussortiert. Was bleibt von „Beauty Stab“ und „How To Be A Zillionaire“?

Was mir ja immer imponiert hat: ABC hätten ja locker ein “Look Of Love Pt.2” abliefern können; aber nein, sie servierten uns eine Platte, die zwar nicht völlig vom bewährten Rezept abwich, aber plötzlich mit schmierigen Rock-Riffs und komischem Reggae angereichert daher kam. Das war ein zielsicherer Karriere-Killer. Album drei dann plötzlich mit synthetischem Plastik-Pop. Ich konnte da auch irgendwann nicht mehr folgen… Aber dann: 1987 raffte sich Martin Fry mit dem einzig verbliebenen Mitstreiter Mark White zum einem zweiten großen Wurf auf, es entstand „Alphabet City“, koproduziert von Chics Bernard Edwards. Sind wir uns einig, dass dieses Werk beinahe die Größe des Debüts erreicht? Hier jagen sich doch die Hits: „When Smokey Sings“ ist ein würdiger Motown-Tribute, auch „King Without A Crown“ hat diese Klasse, und dann ist da natürlich „The Night You Murdered Love“. Letzteres ist auch meiner Meinung nach ein echtes Pop-Monster! Tolle Nummer! …und auch hier rate ich erneut zur Maxi-Single (trotz Rap-Einlage)! Yep, als 12-Inch ein absolutes Muss, denn nicht nur die achtminütige „Whole Story“ taugt, sondern vor allem auch „The Reply“, auf dem Label als „The Night You Murdered Love Rap“ angekündigt, auf dem die mir ansonsten unbekannte Rapperin Contessa Lady V. eine bewundernswert coole Performance abliefert. The Night You Murdered Love (kurz, aber mit trendy Video) und die lange Version, ein Knaller! …die kurze Version mag ich eigentlich lieber, die ist aber auch auf der 12“. Könnte man wieder ganz nostalgisch werden, was? Allerdings nicht so nostalgisch, sich den noch immer durch die Lande tingelnden Martin Fry heute noch live anzusehen, die Videos bei Youtube versprechen jedenfalls nichts Gutes.

Naja, irgendwoher muss die Altersversorgung ja kommen. (Auf der 2009er „Night Of The Proms“-Tour sind/waren übrigens auch Heaven 17 dabei.) Und hübscher, schlanker und besser bei Stimme werden wir wohl alle nicht, gell? Aber ob ich meinen alten Helden unbedingt beim Altern auf der Bühne zusehen muss ist wirklich 'ne gute Frage. Ich habe ABC damals in Düsseldorf live gesehen. Da hatten sie gerade mal das erste Album draußen und spielten das in großer Besetzung einmal komplett durch und wiederholten als Zugabe zwei-drei Songs. Das war’s! …hat einen etwas schalen Nachgeschmack hinterlassen. Was muss man also unbedingt von ABC im Schrank stehen haben? Das erste Album und die späte Maxi? Ich hab‘ noch zusätzlich Album Zwei „The Beauty Stab“ behalten. Das höre ich immer mal wieder und staune und wundere mich. Ansonsten mal wieder d’accord: „The Lexicon Of Love” und “The Night You Murdered Love” müssen, der Rest kann. …um es mit Martin Fry zu sagen: ”Yippie ay yippie ay yeah – be lucky in love!” (whirlyjoe + k-nut)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

ABC fand ich auch geil,
also die erste LP und
dazu look of love 7" ...

und Modern Romance 1981
adventures in clubland

http://www.youtube.com/watch?v=vZTVhma8-Kg

dieses outfit ... axel

oder - Wham - Club Tropicana

http://www.youtube.com/watch?v=W5tZcnpTpeQ

aber über Wham ist evtl. schon
etwas in Arbeit - oder?

ff hat gesagt…

heaven 17, abc und jetzt auch noch wham! Wo bin ich denn hier gelandet? Mein sbs-Bild verschiebt sich!
konsterniert:
fat fred

Anonym hat gesagt…

"vercromte Poppermusik"? doch eher dekadente! allerdings mit einem gewissen schick..
genau: wann kommt wham und wann modern talking?
BadaBohlen!

Anonym hat gesagt…

1981 war ich 14 J. kaufte ABC
& Co. und kann mich noch gut
an meine Jugend erinnern ...
warum nicht - axel

Whirlyjoe hat gesagt…

also modern romance waren - so weit ich mich erinnere - eine grauenhafte band. mit wham kann ich dagegen sehr gut leben - knut, hast du da auch leichen im keller? und was sagt der r-man zu solchen themen?

Anonym hat gesagt…

r-man hatte uns, zu der Zeit,
ein paar Lenzen Erfahrung
voraus - denke nicht, das
ihn die Musik berühren
konnte - seine Leichen
werden wohl eher 71/72 zu
finden sein - und die Musik
vom ersten Rumgefummel - naja,
die bleibt im Kopf ... axel

chrispop hat gesagt…

ich kann da komplett nix mit anfangen. vielleicht verschüttete kindheitstraumata, aber wenn ich diese ekelhaft glatten sachen (diese ganzen produktionen, diese fiesen drums, überall unnötiger hall, gemeine midibläser, das gane styling...) höre, kommt bei mir das kalte grauen hoch.

chrispop hat gesagt…

oh, die funky drummer loop (bei der maxiversion, 4:42)! immerhin etwas:)

k-nut hat gesagt…

Na, nun seid doch nicht so unduldsam; zu ABC und Heaven 17 stehe ich!
(Das ABC-Debut höre ich sogar noch heute gerne.)

Modern Romance sagt mir gar nix.
...und Wham! müsste Joe dann mit Axel machen, da wird mir sonst übel.

Wir könnten uns ja dann langsam über Gang Of Four, A Certain Ratio + Talking Heads wieder gesellschaftsfähigeren Themen nähern.

...und r-man hatte in seiner Cosmic-Phase durchaus bedenklichere Bands auf der Pfanne.
(ich erinnere an Boney M.)

k-nut hat gesagt…

...wie wär's mit einem Barry White-Special für chrispop?

Anonym hat gesagt…

wenn das so weitergeht landen wir am Ende bei Britney Spears. Vorher kommen jedoch noch 5 Berichte über Modern Talking.
Alterbedingt haben mich die hier aufgelisteten 80er Bands glauben lassen , daß die Musik tot ist.
Synthetisch , blutleer, aufgekünstlet. In den 70ern hatte man "kommerziell" als Schimpfwort verwendet.

brrrr ... mich schauderts
Peter HtH

R-man hat gesagt…

ich werde ja nicht mehr gefragt. allerdings finde ich auch, daß wir langsam mal wieder eine vernünftige richtung einschlagen sollten. ich finds nämlich auch grausig, auch wenn ich mal auf die Herren gestanden habe. Die Zwiegespräche sind gut, aber nehmt euch einfach vernünftige Bands vor. Meint: R-man

Anonym hat gesagt…

Gracie, Don!
badaBing!

Anonym hat gesagt…

es liegt doch nur am Alter,
wer Ende der 60er geboren
ist, hat diese Popper Ohr-
würmer - Jahrgang Ende 50er
hat halt Boney in der Jugend
Phase gehabt - und 1995 geboren
steht heute auf Tokio Hotel und
fragt sich in 20 Jahren - warum?

ist doch ganz normal - axel

mit k-nut würd' ich gern sein
Wissen über Talking Heads teilen,
aber wir können auch wieder zurück
zur "guten" Musik - Ihr macht das
schon ...

Anonym hat gesagt…

wann war denn chrispop so um
die 13/14 - und was gab es da
für Verwirrungen - muss doch
so 1997 gewesen sein - oder?
wahrscheinlich Tekkno ...
... loveparade Chris? ...
axel

chrispop hat gesagt…

naja, soo jung isser dann auch nicht mehr, der pop (also der chrispop). jahrgang '82, d.h. mit 13 wurde ich mit eurodance ala dj bobo & blümchen zugemüllt. das hat aber glücklicherweise wenig spuren hinterlassen. ich hab dann relativ schnell mit "punk" (green day, nofx, rancid...sehr schnell dann aber auch clash, sex pistols, dead kennedys etc) angefangen. kurz danach kam ja diese deutschhipohpwelle mit fettes brot, 5 sterne deluxe, eins zwo und so...da steh ich heut auch noch zu (und legs gern & regelmässig auf, ist nur leider schweineteuer auf vinyl zu bekommen...)

naja, und nachdem mir '98 jemand diese beiden songs nacheinander vorspielte:
http://www.youtube.com/watch?v=6j-1QuzfH4Q

http://www.youtube.com/watch?v=v3jE84DBer8

war die sache eh gelaufen:)

Anonym hat gesagt…

Bitte schnell einen neuen Beitrag!!!

Es ist gruselig, seit drei Tagen als erstes dieses Popperfoto ansehen zu müssen, wenn man den Blog öffnet...

Entschuldigung + Danke!

muldensound

Anonym hat gesagt…

It is rather interesting for me to read that blog. Thank you for it. I like such topics and anything connected to this matter. I definitely want to read a bit more on that blog soon.

Anonym hat gesagt…

Hallo,

ich schau euch ja sonst eher interessiert vom Rand zu - da ich mit den letzten Specials (ABC und Chic) nicht sooo viel anfangen konnte und hier im Moment nicht wirlich viel passiert, eine kleine Diskussionsanregung.

Ich bekam letztens seltsame Anwandlungen (Herbst?) und habe mir daraufhin eine Best of J.J. Cale zusammengebastelt - deshalb die Frage: JJ Cale anyone und wenn ja, was sind die Lieblingsstücke oder ist das eher ne Unperson im spoonful universum?

viele grüße
Mad Daddy

r-man hat gesagt…

Der Mad Daddy?
J.J. Cale ist bei weitem keine Unperson bei uns, ganz im Gegentum. Dan schon eher Martin Fry.

Schreibe mir doch mal privat, ich hätte da ein paar CDs für dich.

gruss -r-man

Anonym hat gesagt…

some of the best “J.J. Cale” by sbs axel 15th feb 07
01. after midnight (live 1996)
02. cajun moon (okie 1974)
03. fancy dancer (to tulsa and back 2004)
04. call me the breeze (naturally 1972)
05. movin’ blues (bootleg 1991)
06. devil in disguise (grasshopper 1982)
07. carry on (shades 1980)
08. danger (the road to escondidio 2006)
09. friday (“5” 1979)
10. cocaine (troubadour 1976)
11. money talks (“8” 1983)
12. hard to thrill (the road to escondidio 2006)
13. rio (to tulsa and back 2004)
14. ride me high (live 1990)
15. don’t wait (grasshopper 1982)
16. river boat song (live 1994)
17. don’t cry sister (“5” 1979)
18. lies (really 1972)
19. nobody but you (grasshopper 1982)
20. does your mama like to reggae (grasshopper 1982)
21. these blues (to tulsa and back 2004)
22. midnight in memphis (instr. outro)

r-man hat gesagt…

meiner meinung nach müßte da mehr von den ersten 5-6 platten drauf sein (boiling pot?). lange nicht mehr gehört, den mann. bei der zusammenstellung ist aber drauf zu achten, daß sich tatsächlich nicht alles gleich anhört. ich halte mich da raus. vielleicht wäre das ein fall für ein whirlyjoe-k-nut kamingespräch? ist ja fast new wave, schließlich hat er reichlich mit drumcomputern rumgefrickelt. -r-man

k-nut hat gesagt…

Das kann auf 80 Minuten schon ein bisschen ermüdend werden. Trotzdem ein ganz Großer!
...mal sehen was Whirly sagt.

Whirlyjoe hat gesagt…

bin bereit, aber nicht so gut sortiert. vier alben, eher älteren datums, dazu ein paar singles. jj ist ja fast so gut wie abc. aber von axel habe ich da tatsächlich schon mal eine eigene zusammenstellung gekriegt.

mad daddy, mach du doch einen gastbeitrag, wir diskutieren das dann an dieser stelle an unserem virtuellen kaminfeuer ausführlich.