Montag, 16. August 2010

Unsterblich: Eleventh Dream Day - Prairie School Freakout Gestern nach Jahren mal wieder aus dem Plattenschrank gezogen: das erste Album von Eleventh Dream Day, in den späten 80ern eine meiner Lieblingsbands. Mehrfach live gesehen und in den letzten Jahren komplett aus den Augen verloren, obwohl sie zuletzt wieder aktiv geworden sind. Damals 1988 kaufte ich das Album beim famosen Malibu-Versand, wo ich treuer Stammkunde war und mit den redaktionell gehypten Platten fast immer gute Erfahrungen gemacht habe. Schon das Cover ist mit dem Wohnzimmer im Grünen klasse, dazu die Linernotes der Produktionsgeschichte, aufgenommen in wenigen Stunden (!), das Summen aus dem Gitarrenverstärker einfach hingenommen. Das geht im furiosen Lärm der zwei Gitarren von Baird Figi und Rick Rizzo dann auch unter. Rizzo gibt den postmodernen Neil Young-Schüler und stellt fette Soli in den Raum, am besten sind sie aber, wenn beide Gitarren nur scheinbar dissonant übereinander liegen. Das hat manchmal fast was von Slayer in Rootsrock. Bassist Doug McCombs fällt erst später mit seinen Postrock-Projekten Tortoise und The Sea And Cake auf, die ich persönlich ja immer endlos langweilig fand. Dagegen Drummerin Janet, eine wohl etwas seltsame Person, auf der Bühne gerne schlechtgelaunt, als Musikerin aber fantastisch, vielleicht schreibe ich hier ja auch mal was über ihre Sideproject Freakwater, das mir die Liebe zur Country Music beigebracht hat. Zurück zum Album: zuvor gab es nur eine EP („Wayne“), „Prairie School Freakout“ entstand noch im heimischen Louisville, Kentucky, eigentlich residierte man längst in Chicago. Seite 1 des Vinyls ist einfach unglaublich gut: der Opener „Watching The Candles Burn“ wie Sonic Youth ohne New York-Chic, Janets wilde Wirbel sind reine Keith Moon-Schule, ganz herrlich. Der Gitarren-Sound ist Crazy Horse, die Musik aber einen Schritt weiter. „Sweet Smell“ startet als eher konventioneller Indie-Rootsrock, wächst dann aber in ein wildes Gitarreninferno, wo erstmals diese entfesselten, leicht dissonanten Gitarrenduelle eskalieren, dazu singt Janet ihre unnachahmlichen Harmonies. Das Gitarrensolo ist ein ewiger Gänsehautmoment, wuahhhh… Aber es geht noch besser: „Coercion“ – ein Monument. Ein Riff, ganz viele Trommelwirbel, ein hypnotischer Drive wie sonst nur noch bei den Wipers. Und Rizzo wächst als Shouter über sich hinaus, obwohl es darauf eigentlich gar nicht ankommt. Das Gitarrensolo könnte auch von Chris Eckman sein, wenn man dem Ecstasy in den Drink getan hätte. Die Krönung: „Tarantula“, mit schwerer Slide zum Sonnenuntergang, die Gitarren anfangs noch sanft jangelnd, dann aber immer rasanter. Rizzos Gitarre ist diesmal die authentische Neil Young-Schule, sich immer mehr in Ekstase spielend, getragen von kongenialem Drumming, Janet ist echt eine Stilistin, wie ich finde. Das Solo wird dann zwischendurch mal etwas runtergestrippt, um gegen Ende dann noch mal richtig durchzustarten – pure Magie. So gut waren sie in den folgenden Major-Jahren dann bei aller Liebe leider nie mehr. “Prairie School Freakout” ist ein Alltime-Top Ten-Album, was sonst? Das Vinyl ist seinerzeit bei New Rose erscheinen, eine neu aufgelegte CD mit Bonus EP und einigen Videos ist via Thrill Jockey zum Glück noch erhältlich. (Whirlyjoe)

Kommentare:

K-Nut hat gesagt…

...kannte ich noch so gar nicht. Zu der Zeit habe ich noch ganz andere Musik gehört. Gitarren-Soli über 20 Sekunden waren da für mich noch tabu! Werde ich aber doch mal reinhören müssen.

Best greetz from da lowlands!

busch-Man hat gesagt…

Fuckin' Spammmers; habe gerade nochmal "Zeroes and Ones" aufgelegt - obschon ein späteres Werk nach meinem Dafürhalten auch wirklich gut! Allerdings kenne ich die erste Platte nicht ...

Anonym hat gesagt…

leider nicht unsterblich: Richie Hayward, Little Feat Drummer ist am 12.08. im Alter von 64 Jahren an Krebs gestorben
f-stone

Anonym hat gesagt…

Joe, du bist ein Kenner vor dem Herrn! 11th dream day, eine großartige Band. Zieh dir mir heute gleich aus dem Regal raus!

Caesar

Heino Walter hat gesagt…

Hallo Joe !

Schön, dass Du an 11th Dream Day erinnert hast. Im Gegensatz zu Dir bevorzuge ich allerdings die Mayor-Label-Phase. Hier besonders LIVED TO TELL (1991) und EL MOODIO (1993). Durch die voluminöse, kräftige Produktion kommen die Gitarrenduelle besser zur Geltung und die Kompositionen sind melodiöser. Janet Beveridge Bean gehört wirklich zu den herausragenden Schlagzeugerinnen. Auch in der Top 5: Linda Pitmon (Steve Wynn), Lindy Morrison (Go-Betweens) und Mo Tucker (Velvet Underground).
Schöne Grüße
Heino

Anonym hat gesagt…

Prairie School Freakout habe ich mir damals auch bei Malibu als Neuerscheinungssonderangebot gekauft. Lived to Tell kommt dem recht nahe, insgesamt eine absolute Erstligaband, live ganz grandios (Gitarren!! Schlagzeug!!!). Auf Freakwater habe ich einmal drei Stunden gewartet, die Stimmen der Frauen waren nach längerer Tour ramponiert und es war großartig.


Jürgen

Whirlyjoe hat gesagt…

freut mich sehr, dass wir uns da so gut verstehen. "lived to tell" habe ich gerade aus dem plattenschrank gezogen auch schon lange nicht mehr gehört. dazu habe ich auch noch eine 12-inch mit aufnahmen von 1988 gefunden ("go"), darunter das lange "tenth leaving train" und neil Youngs "southern pacific". zu freakwater sollte ich dann echt mal was schreiben....

r-man hat gesagt…

rick und janet haben mich zu der zeit mal im glitterhouse hq (damals noch lauenförde) besucht und die cd mitgebracht. weil ich unbedingt den bonustrack tenth leaving train hören wollte, bin ich am nächsten tag zu schidlack nach höxter gefahren und habe mir meinen ersten cd-player gekauft. tatsache. rick rizzo ware einer der besten direkt-aus-dem-bacuh gitarristen, die es je gegeben hat.

Anonym hat gesagt…

Eine der besten Bands aller Zeiten. Auch "Go" ist ein Muss, "Tenth Leaving Train" ein unterschätzter Klassiker, in "Coercion"-Größe. Rick und Janet sind übrigens sehr patente Menschen, kamen mal vor Urzeiten im Rahmen eines Europatrips in Lauenförde (Glitterhouse-Ur-Sitz) vorbei. Wenn Janet auf der Bühne später ab und zu etwas übellaunig wirkte, wird das Gründe gehabt haben. Freakwater waren leider nie so meins. 11th Dream Day aber immer in meinen top 10 Favoriten.
Rembert

Unrest hat gesagt…

Jeanet is super...

Live LP's sind meine Sache nicht so, aber kennt jemand die janz famose LIVE LP 'Borscht'? von 11thdreamday

Anonym hat gesagt…

waren gestern in münchen. leider nur ungefähr hundert besucher. sind immer noch eine herausragende live-combo, die wahrlich größere hallen verdient hätten. also: unbedingt hingehen, wenn 11thDD in euren breitengraden auftaucht!