Montag, 4. Juli 2011



Wenn einer eine Reise tut: R-man in Switzerland!

Ein kurzer Bericht eines Spontanwochenendes in der Schweiz. Am Donnerstagmorgen setzte ich mich in meinen Ford Transit Tourneo, die beiden Bänke hatte ich flugs gegen eine Matratze und Kühlbox eingetauscht und cruiste in diesem so wundervollen Gefährt aus dem regnerischen Weserbergland in die sonnige Schweiz.

Die erste Station war da schöne Brugg bei Aargau, im Norden der Schweiz. Beim Lauschallee Open Air sollten die Moon Invaders als Headliner auftreten, eine meiner favorisierten Livebands. Vorher musste ich mich aber durch drei unterklassige lokale Truppen kämpfen. Eine Band wie Stonefloor gibt es in jeder mittelgroßen Stadt – schüchterner Gitarrist, 5-Saiten-Bass-Jungspund, Rockröhre und keine Songs. Warum man sich als Rocksteady Band Alaska nennt, wird mir immer verborgen bleiben, an die Knödelstimme des Sängers werde ich mich aber noch lang erinnern. Daumen runter. Zwei Mitglieder des Samu Projects traten dann Barfuß auf, der Drummer wechselte von Drums zu Congas, das Songwriting war verkopft, aber minderwertig. Die Eingeborenen waren scheinbar informiert über die Klasse ihrer Bands, denn schlagartig bei den Moon Invaders aus Belgien füllte sich der kleine umsonst-und-draussen Platz. Und was waren die wieder gut! Es gibt einfach keine bessere Band, die an der Schnittstelle early Reggae/Rocksteady/Ska und Soul/R&B agiert. Zu neunt standen sie da auf der Bühne und rockten und rollten, skankten und groovten gut gelaunt durch fast 90 Minuten Programm, das direkt in die Tanzbeine ging. Die Interaktion der drei Bläser ist schon mal sehr genial, dazu eine Rhythmusgruppe der Extraklasse und mannschaftsdienlich arbeitende Gitarre und Orgel. An der Front dann Backingsänger Thomas Hardison und Rampensau/Bruder Matthew, beide in New Orleans geboren und in Charleroi gelandet. Im Stile eines souveränen Bandleaders peitscht Sänger Matt die Band permanent nach vorne und benutzt charmant den einen oder anderen billigen Trick von der Sorte, die man einfach lieben muss. Einfach grandios und so wankte ich zufrieden zurück zu meinem Bus/Hotel.

Nachdem ich am Freitagmorgen meine Bahnen im Freibad Brugg gezogen hatte, stellte ich erfrischt fest, dass die Orte um mein Hauptziel von meinem Navi nicht erkannt wurden. Also besorgte ich mir eine Karte der Schweiz und zuckelte auf schmalen B-Roads durch das malerische und sonnendurchflutete Berner Oberland nach St. Stephan, einer Gemeinde im Simmental. Dort sollte das 10. Hangar Rockin‘ Festival stattfinden, eine Mischung aus Hot Rodding, 1/8 Meile Rennen, US Car Meeting und Rock&Roll Festival. Ganz meine Tasse Bourbon, die Szene aus pomadierten Geezern, Damen im 50s Chic und zutätowierten Körpern gefällt mir seit ein paar Jahren einfach und das eine oder andere Event hatte ich schon mitgenommen – z.B. das Race 61 in Finowfurt (bei Berlin) oder die Bottrop Kustom Kulture, beides sehr feine Veranstaltungen.

Über das Gelände eines großen Sägewerks gelangte man auf den Platz und da ich früh vor Ort war, ergatterte ich einen 1A Parkplatz für mein Wundergefährt. Über den Parkplatz für die US-Cars, Hot Rods und Custom Cars (die noch näher dran parken durften) gelangte man zum Hangar/Zelt und einem Areal, welches mit Cocktail Bars, Verkaufsständen, Bierbuden und ähnlichem dicht gefüllt war. Überall legten DJs auf, vorwiegend Rock & Roll, Rockabilly und Rhythm & Blues, dazu die Capital Soul Sinners in der Tiki Cocktail Bar mit durchweg astreinem Sixties Soul, New Breed und Popcorn rund um die Uhr.

Am Freitagabend konnte man sich schon an den großartigen Autos und vintage Motorrädern erfreuen, bis gegen 22 Uhr Dollar Bill auf der Bühne stand. Oder besser: er saß, denn der Mann aus London ist eine One-Man-Band mit Bassdrum, Hi-Hat, Harp und Gitarre. Primitiver Boogie-Blues mit Anleihen an Slim Harpo, Dr. Ross und John Lee Hooker, sehr fingerfertig an der Gitarre und gut abrockend. Ein guter Einstieg, ebenso wie der DJ-Set des Duos um Hot Poppa Peter (1210 Stuttgart). Die Starliters aus Mailand machten den Abschluss für den Abend, aber mir war nicht so sehr nach Countrybilly und Western Swing, sondern eher nach Matratze. Allerdings wurde die Nacht eiskalt, den Leuten in den Zelten war mein Mitleid gewiss. Temperature drop in dowtown St. Stephan! Der Zeltplatz lag übrigens direkt neben dem Racestrip, der wiederum 100 Meter vom eben beschriebenen Areal lag. Die paar hundert Meter vom Park- zum Zeltplatz konnte man auf dem Hänger eines Traktors zurücklegen, der pendelte, um das Gepäck zu transportieren. Service.

Am nächsten Tag machte ich mich in der Dusche der lokalen Turnhalle frisch (500 Meter) und freute mich auf einen sonnigen Tag. Links und rechts ragten die Alpen in die Höhe, teilweise gar schneebedeckt. St. Stephan selbst liegt auf 1.000 Meter und durch den stetigen Wind merkt man nicht, dass man sich gerade einen fetten Sonnenbrand holt. So lungerte ich in der Gegend rum, träumte davon, welches Gefährt demnächst in meiner Garage stehen sollte (einige waren 4 sale) und checkte die Stände von Voodoo Rhythm und Rockaway Beach aus. Gegen 13 Uhr begannen die 1/8 Meile Rennen. Immer wieder ein Spass zu sehen, wie die alten Motoren und Vehikel ihr Bestes geben. Und zu hören natürlich, denn es gibt etwas Besseres als den röchelnden Klang eines V8-Big Block? Schnell hatten sich die Favoriten durchgesetzt und es blieb etwas unklar, ob hier nun ein Ausscheidungsrennen gefahren wird (wie beim Race 61 etwa) oder einfach nur so losgekachelt wird. Da kam es gerade Recht, dass mein Nachbar, der Lorenz aus Solothurn auch alleine unterwegs war, sein Bier zu Hause in der Gefriertruhe vorgekühlt hatte und sich spendabel zeigte. Selber fuhr er einen Chevrolet Caprice, war Automechaniker und ist auf Baumaschinen umgesattelt. Also repariert er jetzt Bagger, verdient aber 1.000 Franken mehr als als Kfz-Schrauber.

Irgendwann tauchte auch Kumpel Jens-O-Matic aus Stuttgart auf, mit dem ich ein paar Stunden abhing, bis man sich im allgemeinen Trubel wieder verlor. Um 20.30 Uhr traf man sich bei den Staggers wieder, sehr unterhaltsamer Garage-Rock der schrägen Vögel aus Österreich. Ein guter, schwer aktiver Frontmann und ihr Highspeed Sound sorgten für die positive Überraschung des Abends.

Von Voola & The Jayhawks hatte ich schon gehört und mich auch bärig auf den Voodoo Rhythm & Blues der Londoner Truppe gefreut. Zwei Saxphone, Double-Bass, Drums (Dollar Bill) und Gitarre hatte der dunkelhäutige Voola im Rücken, der sich im Vorfeld als beinharter Screamin‘ Jay Hawkins Fan outete, den Verdacht des Posertums aber nie ganz entkräften konnte. Solide.

J.D. McPherson mit Jimmy Sutton am Bass, dazu Drums und Sax war dann eine kraftvolle Angelegenheit. McPherson ist ein bodenständiger Typ mit Kraft in Stimme und Gitarre. Die Mischung aus Rock & Roll und Rockabilly zündete wie erwartet und sorgte für ausgelassene Stimmung im Hangar. Die letzte Band habe ich mir geschenkt, schließlich hatte ich am nächsten Tag einen satten Trip gen Heimat vor mir.

Nach einer weiteren eiskalten Nacht machte ich mich auf den Heimweg, wählte die Strecke über den 1.700 hohen Jaunpass und holte mir eben noch eine Überdosis Natur, bevor ich mich auf die Autobahn einfädelte und meinem Ford die Sporen gab.

Fazit: ein feiner Trip. Die Schweiz ist toll, das Hangar Rockin‘ Festival eine sehr relaxte und erstklassige Angelegenheit, der Schweizer ist ausnehmend freundlich, die Damen in Bank, Bäckerei oder Supermarkt singen dich an (anders kann man es nicht nennen) – a damn good feeling gibt es quasi obendrauf. Das man sich allerdings auch recht teuer erkaufen muss, die Schweiz ist nicht billig, und beim nächsten Mal werde ich mich einfach besser vorbereiten und mich in Deutschland besser eindecken.
(R-man)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mensch skipper! es gibt keine zufälle: eben stand, bei der heimfahrt von der geliebten arbeitsstätte zur casa bing, ein schwarzer 63er thunderbird hardtop neben mir und und ließ seinen dicken v8 mächtig brubbeln...

tolle bilder, mein favorit: die startnummer 116, scheint ja direkt aus sin city gekommen zu sein!
Als stadtkrug novize ist mir die frage gestattet wer die schöne musik zu den bildern macht?
BadaBing!

Anonym hat gesagt…

Muss gestehen erst heute aus der Zeitung vom Event erfahren zu haben. Dabei hätte ich viel weniger weit gehabt. Und Spass hätte es ja ganz bestimmt gemacht.
Beim nächsten Ausflug in die Schweiz melde dich doch r-man. Kühles Bier und ein warmes Zimmer liessen sich sicher organiseren.

@badabing: Der Sountrack stammt vom Album "In Session" von Albert King & Stevie Ray Vaughan. Der Track heisst "Don't you Lie To Me"
bluetwang

r-man hat gesagt…

die 116 war zu verkaufen, habe mich aber nicht getraut nach dem preis zu fragen. hatte ne neue innenausstattung, aber nicht viel unter der haube. diese kisten haben eine seltsame art motor, auf jeden fall keinen V8. Machte aber schwer was her.

der absolut schnellste war die nummer 102. der bursche hat nachher mit den anderen katz und maus gespielt. ein monster. sehr schnell auch die 100, ein roter oldsmobile, dem man das nicht unbedingt ansah. schien eine gut funktionierende automatik drin gehabt zu haben, der zog ab wie am schnürchen.

auch sehr cool - ein tiefergelegter, toll zurecht gemachter VW Käfer mit Porsche Motor. Und ein grün-weisser Scheibenbulli mit Safarifenstern. Und ein schwarzer Dodge Charger... und und und.

Anonym hat gesagt…

@bluetwang: Vielen dank!

@skipper: safarifenster? sind das die geteilten windschutzscheiben die man unten abklappen kann?

R-man hat gesagt…

der vw bulli war ein juwel. weiss/lindgrün lackiert, oben diese kleinen fenster im dachbogen, natürlich tiefergelegt (machen die alle) und diese version hatte eine geteilte frontscheibe. die beiden frontfenster konnte man unten entriegeln und dann aufstellen. Sah genial aus. Denke der Bulli so wie er da stand war 50.000 Euro wert.

Anonym hat gesagt…

An die Rock'n Roll - Reisenden: vielleicht wäre das auch was

'Big Rhythm Rumble' in Ulm

http://www.bigrhythmrumble.de/index.html

Nicht ganz soweit wie die Schweiz. Joe. für dich fast ein Heimspiel! Für mich eigentlich auch, war nur eine Woche zu früh in der schwäbischen Heimat.

Grüße
Caesar

Parsifal362 hat gesagt…

ah schöne Autos! Es geht doch nichts ueber Vintageautos im Retrosetting! Muss aber zugeben, dass der erwähnte Ford Tourneo nicht der gleiche Ford Tourneo ist wie hier, da liegt ein halbes Jahrhundert dazwischen.