"This is Ace!"
OBS16 revisited Teil 3
Der Sonntag:
K-Nut:
Ich verschlafe und versäume den surprise act
The Frictions. Das tut mir
leid.
Whirlyjoe:
Oh weh, ich auch. Soll wie Crazy Horse geklungen haben, argh! Nächstes
Jahr muss ein Wecker mit ins Sarglager in Lauenförde, wo wir wieder
höchst komfortabel bei Heike und Axel wohnen durften – tausend Dank noch
mal euch beiden!
Pete F.:
Tja Jungs, in Sachen The Frictions habe ich Euch was voraus. Habe
allerdings auch, um der Wahrheit die Ehre zu geben, am Vorabend den
Stadtkrug geschwänzt.
Aber, oh boy, dieses Konzert war jedes Opfer wert.
Chris Eckman und seine slowenischen Kumpels im klassischen
Zwei-Gitarren-Bass-Schlagzeug-mehr-braucht-kein-Mensch-Modus reiten das
Verrückte Pferd mit einer Begeisterung und Spielfreude, dass es nur so
eine Art hat. Selten habe ich Chris so locker und so selig gesehen.
Highlights: der abgespeckte Walkabouts-Klassiker „The Stopping-Off
Place“, die Zugabe „Revolution Blues“ (von Neil Youngs epochalem „On The
Beach-Album“, einer meiner Top-5-Platten für die Ewigkeit) und eine
Handvoll mir bis dato völlig unbekannter Klassesongs von The Frictions.
Long may you run, guys.
K-Nut:
Clickclickdecker finde ich nett und einige mich mit Joe auf
„Mädchenmusik“.
Whirlyjoe:
Sag ich doch. Grundsympathisch bei derber Mittagshitze.
K-Nut:
Von
Nive Nielsen hatte ich ja im Vorfeld behauptet, ihre Musik lebe auch
von einem gewissen Niedlichkeitsfaktor. Da sollte ich recht behalten –
das gilt auch live und ebenso für ihre komplette Band
The Deer Children.
(Besonders auffallend dabei die expressive Drummerin.)
Dennoch
überrollt mich diese Niedlichkeits- und Charme-Offensive ohne
ernsthaften Widerstand meinerseits. Hach! Sofort das Album gekauft!
Whirlyjoe:
Da sind wir uns völlig einig. Supernette Typen, niedlich und herzlich,
die Schlagzeugerin tatsächlich was Besonderes. Mir fehlt es live und auf
Platte ja noch an klaren Songstrukturen, so ein Konzert funktioniert
aber auch ohne Mitsing-Hits. In der Tat eine vielversprechende
Entdeckung, die den zu immer noch früher Stunde erfreulich gut gefüllten
Garten ergriffen zuhören ließ.
Pete F.:
Für mich ist Nive Nielsen die Königin der Herzen dieses Festivals. Singt
über Staubsauger und darüber, dass ihr Freund ohne Kaffee nicht in die
Gänge kommt. Banal eigentlich, doch es klingt, als hätten Engel diese
Songs geschrieben.
Im Ernst: Miss Nielsen könnte mir auch das
Telefonbuch von Paderborn vorsingen - ich würde fasziniert lauschen.
K-Nut:
The Travelling Band hatte mir Joe sehr ans Herz gelegt. Mit ihm recht
weit vorne eine halbe Stunde geschwelgt, weitere zehn Minuten
ausgeharrt, dann nach hinten ein Bier holen und nicht zurückgekehrt. Das
ist mir schon fast zu schön und darum nicht aufregend genug. Auf dem
Weg zur Zinkrinne drei Klappstuhl-Besitzer beim konzentrierten
Zeitung-Lesen beobachtet - das finde ich wiederum irgendwie doof.
Whirlyjoe:
Ich
bin gegen Klappstühle. Die bärtigen Briten finde ich dennoch großartig,
selten zwei so prächtig harmonierende Singstimmen gehört. Ihr Auftritt
vor einigen Wochen in der schwäbischen Diaspora war noch ein wenig
deftiger in Richtung Southern Rock gegangen, dennoch verschaffte mir die
Travelling Band schon beim Einstieg den OBS-typischen Gänsehautmoment.
Einer der Sänger gab in seiner Begeisterung dann auch das Motto für
diesen Festivalbericht aus:
„This Is Ace!“
Pete F.:
Gänsehaut, that‘s it: Als der Sänger sich langsam vom Mikro wegbewegte
und die komplette Band loslegte, habe ich, glaube ich, gejauchzt vor
Glück. Tolle Harmonies und alles - aber ein paar mehr memorable Songs
wären schon schön gewesen.
K-Nut:
Bei den
Fog Joggers eine enorme Girlie-Dichte vor der Bühne
festgestellt. Wo kommen die plötzlich alle her? Die unbeschuhten Bengels
klingen mir inzwischen fast etwas zu erwachsen und abgehangen. Gute
Songs und Bühnenpräsenz dennoch. Weitermachen!
Ich bezeichne
The Flying Eyes backstage unflätig als „Kinder mit
Bärten“. Auf der Bühne fliegen keine Augen sondern Haare, viele Haare!
Das rockt wie in den Siebzigern, seitdem aber nicht viel dazugelernt.
Aber ganz große Live-Qualitäten, zweifellos! Leider viel zu wenig
Pedalsteel gespielt. (Der beste Song war der von der Hömma-Compi.)
Dennoch sehr angetan!
Whirlyjoe:

Nach ausgiebigem Chillen an der lauschigen Weser (und dem Verpassen der
Fog Joggers und
Orph) waren The Flying Eyes dann aber ein echter
Knaller. Psychedelischer Boogie’n‘Blues-Hardrock wie anno 73. Freut mich
immer sehr, dass auch nachwachsende Generationen von Langhaarigen
diesen unverwüstlichen Sound pflegen. Stilistisch zwischen der ersten
Bad Company, Blue Cheer und „Stranglehold“ von Ted Nugent.
Pete F.:
Mein Tipp war ja Cobo Hall, Detroit, 1971: Das ging aber auch mächtig
los. Songs wie Lava, Gitarrensoli wie ein Güterzug, den keiner stoppen
kann, und Vocals in der Tradition großer Shouter (sagt man das heute
noch so?). Machen wir‘s kurz: Solange es noch junge Menschen gibt, die
so eine Musik spielen, kann diese Welt nicht ganz schlecht sein.
K-Nut:
Die
Spain-LP (die CD habe ich schon) kaufe ich mir schon vor dem
Auftritt, nötige
Josh Haden ein kurzes Gespräch auf, lasse mir das Cover
signieren – so benehmen sich nur Fanboys? Ok, ich gestehe.
Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt Spain machen ein neues Album und
spielen auf dem OBS. Ich hätte es niemals geglaubt!
Seit Anfang an bin ich ein echter Fan von Josh Haden, der sich als
extrem netter und höflicher Mensch erweist.
Kündigt mir Andread vor dem
großen Finale noch an: „Josh Haden spricht auf der Bühne kaum ein Wort.“
(Das war beim Berliner Gig – vor 61 Gästen; schämt Euch, Ihr
Ferngebliebenen! – wohl so) gibt der Mann auf der OBS-Bühne die
Festival-Rampensau. Wen und was er da so hochleben lässt: nette
Geburtstags-Kinder (die WDR-Tonfrau), Boote, Papa Charlie, Rembert,
Lutz, das Glitterhouse, etc.; das ergibt ein tolles Spannungsfeld
zwischen befreiendem Gelächter und ergreifenden Tränenziehern.
Musikalisch ist das in meinem Universum kaum noch zu toppen und löst
Michael J. Sheehy/The Miraculous Mule als bisheriges OBS-Highlight ab.
(...sorry Michael) Das war für mich kein Konzert, das war so etwas wie
eine Messe! Mein bisheriger OBS-Höhepunkt in immerhin 14 Jahren.
Ich bin
tatsächlich zwischenzeitlich den Tränen nahe und lache anschließend mit
den Umstehenden um die Wette.
Nuff said!
Whirlyjoe:

Ich hab’s ja nun nicht so mit Gottesdiensten, habe mich aber auch schon
sehr auf Spain gefreut, denn das neue Album auf Glitterhouse ist
wirklich sensationell und die alten Sachen der Band eh über jeden
Zweifel erhaben. Hadens Performance geriet dann für einen
gottesfürchtigen Amerikaner doch ein wenig eigentümlich („…in the
motherfuckin‘ house!!!“), in einem Interview während des Festivals bezog
er sich ja lustigerweise auf Ozzy Osbourne, was tatsächlich ein wenig
Licht in die Sache bringt. Die Musik war jedenfalls einfach nur ganz
wunderbar. Gänsehaut pur, erhabene Schönheit und als letzte Zugabe
„Spiritual“. Wow, besser geht’s nicht – auch wenn die Meinungen zu Spain
anscheinend weit auseinander gehen.
Pete F.:
Dem ist ganz wenig hinzuzufügen. Auch für mich das - neben Midnight
Choir (die Älteren werden sich vielleicht erinnern) - wohl schönste
Konzert der 13 OBSe, die ich bisher besuchen durfte. Wie Knut stehen mir
beim Spain-Auftritt Tränen des Glücks in den Augen. Es ist ergreifend.
Wunderschön. Unvergesslich. Ein magischer Moment. Danke, Josh Haden.
Danke, Euch allen für ein Festival, das ich immer in meinem Herzen
tragen werde. Und dann fließen die Tränen doch, auch weil ich meinen
Freund Reinhard noch selten so emotional erlebt habe wie bei seinen
Abschiedsworten.
K-Nut:
Rembert und Reinhard sprechen die famosen letzten Worte des OBS16.
Rembert dankt, Reinhard erzählt Interna, während Rembert um Jahre
altert. Alle sind bewegt, alle lachen – wie bei Spain. Ich bin schon
wieder (oder immer noch) gerührt. Was für ein Finale!
Bevor ich tatsächlich noch anfange in mein Bier zu weinen, ab in den
Stadtkrug!
Ca. 80% der Gäste sind auf der Tanzfläche. Der Sänger der Flying Eyes
tanzt sturzbetrunken, aber unfallfrei, auf seinem Barhocker stehend, und
lässt sich anschließend von den Umstehenden den nackten Oberkörper
signieren. Um kurz nach Sieben verabschiede ich mich, während die
Glitterhäusler zum traditionell letzten Song „Smells Like Teen Spirit“
abheben.
R-man meint: „Ich würde sonst was geben, hätte ich jetzt John
Miles’ Music dabei!“
Ich gehe und sehe, dass Jens seinen Plattenkoffer
wieder ausgepackt hat.
Die Sonne scheint.
Ich bin glücklich.
Pete F.:
Glücklich ist das
Stichwort: Ich halte zwar nur bis zwei Uhr morgens durch, aber als ich
gehe, fühlt es sich an, als würde ich eine Familie verlassen. Für ein
ganzes langes Jahr. Auf dem Weg zum Hotel schon wieder Tränen. Aber
Tränen der Freude. Über die Musik. Und darüber, Euch alle kennen zu
dürfen. Danke.
Whirlyjoe:
Danksagungen gehen wie immer an Alle:
Macher und Gäste, Künstler, DJs und Dienstleister. Extrapunkte verleihe
ich an die Sound-Crew (High Fidelity live!), das ebenso wunderbare wie
hartschuftende Stadtkrug-Team, sowie den Bäcker am Eingang für den
Käsekuchen. Den schönsten Sailorgirl-Pulli trug – Sailorgirl.
K-Nut:
Käsekuchen hatte ich keinen, ansonsten kann ich mich nur in
allen Punkten anschliessen. Rembert, Yannick: alles richtig gemacht!
R-man: Danke!!! Die famosen Richters und die restliche Stadtkrug-Crew - Ihr seid großartig.
Give it up to OBS!